INSM: Der Schwindel vom grünen Wachstum

Die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) ist eine Lobbyorganisation, die vor gut zehn Jahren vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall gegründet wurde. Mit einem Jahresetat von – nach eigenen Angaben – derzeit gut sieben Millionen Euro versucht sie Stimmung zu machen für eine marktliberale Wirtschaftspolitik. Und geht dabei wenig zimperlich vor, zum Beispiel ist sie durch Schleichwerbung in der TV-Fernsehserie „Marienhof“ aufgefallen. Als „Lautsprecher des Kapitals“ titulierte die ZEIT vor ein paar Jahren die INSM.

In ihrer aktuellen Anzeigenkampagne versucht die „Initiative“ nun, das Dogma von der unbedingten Notwendigkeit wirtschaftlichen Wachstums zu retten, das bekanntlich aus der Finanzkrise arg ramponiert hervorgegangen ist. Bildung, Gleichberechtigung, Fortschritt – quasi alles SchöneEdleGute hänge am Wirtschaftswachstum, versucht die INSM der Öffentlichkeit einzutrichtern. Eines der Anzeigenmotive behauptet gar:

Im Kleingedruckten heißt es: „Wachstum schützt das Klima. Denn technischer Fortschritt schont Rohstoffe, senkt den Energieverbrauch und macht Umweltschutz bezahlbar.“

Steile Thesen sind das – von denen die INSM-Leute offenbar selbst wissen, dass sie falsch sind. Auf der zugehörigen Kampagnenwebsite nämlich formulieren die Wachstumsfetischisten (bzw. ihre Werbeagentur Serviceplan) viel zurückhaltender. Schon im Vorspann einer großen Infografik wird die vollmundige Pauschalaussage der Annonce gleich viermal relativiert:

Ja, klar, Wachstum kann heute oder künftig möglicherweise etwas ressourcenschonender stattfinden als es das früher einmal tat. Seit Jahrzehnten schon wird darüber geredet, gerade mal wieder in einer Enquete-Kommission des Bundestages. Üblicherweise wird dann hervorgehoben, wie sehr der Energieverbrauch bzw. der Ausstoß an Treibhausgasen doch in den letzten Jahren gesunken sei. Gemessen wird dabei in der Regel relativ zum erzeugten Produkt – also der Energieverbrauch pro Tonne Stahl oder der CO2-Ausstoß pro erwirtschaftetem Euro. Doch im Jahr 2010, ergab kürzlich eine Analyse der Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers, kehrte sich selbst dieser bescheiden-positive Trend in den Industriestaaten wieder um. Und dass 2011 der deutsche Energieverbrauch trotz Wirtschaftswachstum sank, lag vor allem am milden Wetter und dadadurch verringertem Heizwärmebedarf.

Sowieso fällt bei der Betrachtung von Effizienzfortschritten meist der sogenannte Rebound-Effekt unter den Tisch, den Ökonomen seit langem kennen: Wenn ein Produkt billiger wird, wird in der Regel mehr davon konsumiert. Wenn beispielsweise die Leute zu Energiesparlampen wechseln, lassen sie die dann häufiger brennen. Relative Effizienzgewinne werden deshalb in der Praxis mindestens teilweise aufgefressen, oft steigt unterm Strich absolute Energieverbrauch sogar.

Die wichtige Frage für das Weltklima, liebe INSM, ist deshalb nicht, wie Wirtschaftswachstum vielleicht aussehen könnte – sondern ob es tatsächlich und absolut betrachtet ressourcenschonend geworden ist. Und da sieht es trübe aus. Eine Studie für die bereits erwähnte Enquete-Kommission des Bundestags hat gerade den aktuellen Stand der Forschung zusammengefasst – ihr Fazit: „So gut wie nirgends“ auf der Welt gab es bisher Wachstum mit sinkendem (absoluten) Ressourcen- verbrauch.

Diese traurige Wahrheit muss auch die INSM in ihrer eigenen Infografik einräumen. In sieben von zehn Industriestaaten, die dort aufgeführt werden, ist der Kohlendioxid-Ausstoß zwischen 1990 und 2008 eben nicht gesunken, sondern meist deutlich gestiegen (der deutsche Sonderfall geht zu einem Gutteil auf den Zusammenbruch der dreckigen DDR-Industrie nach der Wiedervereinigung zurück).

Wahr ist also eher das Gegenteil dessen, was die Annonce behauptet: Weniger CO2 braucht weniger Wachstum.

Danke an Joachim W. aus Viersen für den Hinweis


 

Gesucht: Der größte Schurke

Diesmal wird die deutsche Kanzlerin Angela Merkel das Weltwirtschaftsforum in Davos eröffnen:  Die Spezialistin in Sachen Euro-Rettung, Klimaschutz und Finanzmarkttransaktionssteuer wird am 25. Januar zum Thema „Die große Transformation – neue Modelle gestalten“ im Schweizer Nobel-Kurort sprechen. Die neue IWF-Chefin Christine Lagarde wird kommen, der neue EZB-Chef Mario Draghi genauso wie Weltbank-Präsident Robert Zoellick,  UN-Generalsekretär Ban Ki Moon oder US-Finanzminister Timothy Geithner. Etwa 2.600 führende Köpfe aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft diskutieren bis zum 29. Januar über Wege aus der „tiefsten Weltwirtschaftskrise seit den 30er Jahren“, wie WEF-Direktor Børge Brende erklärte. Erklärtes Ziel des Weltwirtschaftsforums  sei es, „den Zustand der Welt zu verbessern“.

Kommen werden auch die Leute vom Public Eye Award. Mit dem wohl bekanntesten internationalen Schmähpreis werden Unternehmen „ausgezeichnet“, die sich im vergangenen Jahr die „schlimmsten Verstöße gegen Umwelt- und Menschenrechte“ geleistet haben.

Auf der Liste steht beispielsweise Tepco: Der grösste japanische Energiekonzern hat wider besseren Wissens aus Kostengründen die bauliche Sicherheit seiner Atomkraftwerke stark vernachlässigt. „Der GAU von Fukushima und somit die radioaktive Verstrahlung von Mensch, Land und Meer hätte von Anfang an verhindert werden können“, heißt es in der Nominierungsbegründung. „Ausserdem informierte der Konzern nachweislich falsch oder sehr verspätet – bei Tepco herrschte eine Kultur der Begünstigungen, Verschleierungen und Fälschungen.“

Ebenfalls auf der Liste zu finden ist Vale,  der zweitgrösste Konzern Brasiliens und weltweit der zweitgrösste Minenkonzern und grösste Eisenerzhersteller. Vale baut im Amazonas-Regenwald den Belo-Monte-Damm:

Minen und Dämme auf Kosten von Mensch und Umwelt, befindet die Jury des Public Eye Award: „Der Konzern hat eine 70-jährige Geschichte, in der immer wieder Menschenrechtsverstösse, unmenschliche Arbeitsbedingungen und rücksichtslose Naturausbeutung vorkommen“. Der Staudamm habe voraussichtlich 40.000 Zwangsumsiedlungen zur Folge, „die Betroffenen haben weder Mitspracherecht noch erhalten sie Entschädigung.“

Weiterhin auf der Liste: Samsung, Freeport, Syngenta und Barclays. Natürlich darf man sich das nicht so vorstellen, dass die Umweltschützer, Entwicklungspolitiker oder Menschenrechtler in irgend einer Form wahrgenommen werden von Angela Merkel, Robert Zoellick, Timothy Geithner und Co. Deren Welt – das Weltwirtschaftsforum – ist hermetisch von Kritikern und der Außenwelt abgeschnitten.

Wenn sich aber viele Menschen an der Abstimmung zum Public Eye Award beteiligen, wird das dem Schmähpreis Legitimität und Kraft verleihen. Und die Welt zumindest ein bisschen aufmerksamer machen. Abstimmen kann man noch bis 27. Januar.

PS am Nachmittag des 27. Januar: Das Ergebnis lesen Sie Hier!


 

Die Welt: Falsche Blackout-Panikmache

Ui, was waren das für Schlagzeilen letzte Woche:

titelte die Welt. Und praktisch alle anderen Medien zogen nach, von Spiegel Online, Süddeutsche, FAZ bis hin zu unserem Mutter-Portal klimaretter.info.

Die deutsche Elektrizitätsversorgung, so klang es, habe an zwei Tagen Anfang Dezember kurz vor dem Zusammenbruch gestanden. Der Unterton war klar: Soweit haben uns diese Öko-Spinner mit ihrer Energiewende und ihrem Atomausstieg also schon gebracht, dass Deutschland sich vom Ausland helfen lassen muss! Das Ganze wirkt wie eine Neuauflage der „Stromlücken“-Kampagne. Doch recherchiert man die Geschichte nach, ergibt sich ein wenig spektakuläres Bild:

Stromtrassen von Nord nach Süd sind knapp, der Ausbau hinkt dem Ökostrom-Wachstum hinterher. Am 8. und 9. Dezember wehte in Norddeutschland Sturmtief „Ekkehard“, Windkraftanlagen speisten rund 20.000 Megawatt ins Netz ein. Die beiden Tage waren Werktage, weshalb in den industriellen Zentren in Süddeutschland der Energieverbrauch hoch war. Soweit, so richtig in allen Medienberichten. Weil es in Deutschland nach dem Atomausstieg und wegen des Widerstandes von Umweltschützern zu wenige Kohle- und Atomkraftwerke gebe, so dann aber die weitere Argumentation Suggestion, habe „ein altes Öl-Kraftwerk bei Graz wieder ans Netz gebracht werden“ müssen, um den Netzkollaps zu verhindern. Die Energiewende sei wahlweise Quatsch, Heuchelei oder gar eine Gefahr für Deutschland, werden sich nicht wenige Leser gedacht haben.

Doch bei all der Aufregung fielen wichtige Details unter den Tisch:

1. Die drei Reservekraftwerke, die diesen Winter in Deutschland für kritische Netzsituationen bereitgehalten werden, die sich nach der Schnellabschaltung von acht Atomreaktoren infolge der Fukushima-Katastrophe einstellen könnten – diese drei Reservekraftwerke in Mannheim, Mainz/Wiesbaden und Ensdorf hätten bereitgestanden an jenem am 8. und 9. Dezember! Sie waren in Bereitschaft, wurden aber nicht hochgefahren. Weil der zuständige Netzbetreiber Tennet entschied, lieber drei in Österreich gebuchte Reserveanlagen zu nutzen. Unbedingt nötig gewesen wäre das nicht. Der Grund war, so erklärt es eine Firmensprecherin auf Anfrage, dass die österreichischen Kraftwerke besser ans TenneT-Netz angebunden sind als die drei deutschen Reserveblöcke, die an den Netzen der Konkurrenz von RWE und EnBW hängen.

2. Es war überhaupt nicht überraschend, dass bei einer hohen Beanspruchung des deutschen Stromnetzes österreichische Kraftwerke einspringen – im Gegenteil: Dies ist als Normalfall vorgesehen. Dass rund 1.000 Megawatt im Nachbarland als „Kaltreserve“ für diesen Winter gebucht worden sind, hatte die Bundesnetzagentur schon vor Monaten bekanntgegeben. Und bereits im Frühjahr warnte Agenturchef Matthias Kurth vor einer „Blackout-Panik“.

3. Ein wesentlicher Grund für den Netzengpass waren – so paradox es klingt - Stromexporte! Das große Windenergieaufkommen ließ nämlich am 8. und 9. Dezember die Preise purzeln, weshalb etwa italienische Kunden billigen Windstrom in Deutschland einkauften. Neben dem Strom für Süddeutschland sollte also durch die knappen Nord-Süd-Trassen auch noch Energie für Südeuropa fließen. „Für solch eine Doppelbelastung sind Deutschlands Leitungen nicht ausgelegt“, so ein Tennet-Experte . Die Stromexporte habe man aber nicht stoppen wollen, weil dann Vertragsstrafen in Millionenhöhe fällig geworden wären. Offenbar also war es schlicht billiger, kurzzeitig Strom in Österreich hinzuzukaufen, um die Lieferungen nach Italien und die Versorgung in Deutschland zu gewährleisten. Der Stromeinkauf im Ausland war also direkte Folge eines Stromverkaufs ins Ausland – wurde also eher vom Markt verursacht also von Energiewende und Atomausstieg. Im Ernstfall, so steht es in § 13 des Energiewirtschaftsgesetzes, dürfen Netzbetreiber Stromexporte natürlich kappen, um einen Zusammenbruch des Netzes zu verhindern.

Von einem Kollaps war die deutsche Stromversorgung am 8. und 9. Dezember jedenfalls noch ein ganzes Stück entfernt. Die zuständigen Leute blieben denn auch ziemlich entspannt. Die Netzsituation sei derzeit schon kritischer als früher, aber beherrschbar, erklärte Tennet. Und die Bundesnetzagentur ergänzte: Die Sache sei „eine ganz normale Inanspruchnahme“ des Netzes gewesen.

Danke an Andreas L. für den Hinweis

P.S. vom 13. 01.: Heute hat die Deutsche Umwelthilfe eigene Recherchen zum Thema veröffentlicht – demnach seien an den fraglichen Dezembertagen mehrere betriebsbereite Eon-Kraftwerke nicht angefahren worden, der Strom aus Österreich war offenbar günstiger. Fazit der DUH: „Nicht Knappheit bestimmte den Kraftwerkseinsatz, sondern Betriebswirtschaft“


 

KfW: Saubere Werbung, dreckige Kohlegeschäfte

Die staatliche KfW Bankengruppe hieß früher einmal „Kreditanstalt für Wiederaufbau“ und förderte den Neustart der (west-)deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute fördert sie reihenweise Dinge: Bildung und Entwicklungshilfe, Existenz-Gründungen und Exporte, kommunale Turnhallen und privates Wohneigentum. Einer der größten Geschäftszweige ist seit Jahren der Klimaschutz: Mit verbilligten KfW-Krediten können etwa Hauseigentümer ihre Fassaden dämmen oder energiesparende Fenster einbauen. Mehr als die Hälfte aller 2009 in Deutschland errichteten Windkraft-Anlagen, vermeldet das Institut stolz auf seiner Website,  sei von der KfW gefördert worden. Mit dem idyllischen Bild eines sonnen- beschienenen Offshore-Windparks wirbt die Bank denn auch in Zeitungsannoncen. „Energiewende. Wir fördern das“, lautet der Slogan dazu.

Ja klar, die KfW macht prima Sachen. Aber unter all dem Schönen, Guten finden sich auch eine ganze Reihe dreckiger Geschäfte. Laut einer Studie der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Urgewald hat die KfW in den vergangenen Jahren mehr als 500 Millionen Euro in Kohlekraftwerke investiert. In der Antwort der Bundesregierung auf eine Bundestagsanfrage der Bündnisgrünen finden sich einige Details dazu. So finanziert die KfW Entwicklungsbank derzeit das Kohlekraftwerk Krishnapatnam in Indien – mit einer Kapazität von 4.000 Megawatt ein gigantisches Projekt mit gigantischem CO2-Ausstoß.

Ein weiteres halbes Dutzend Kohlekraftwerke entstand und entsteht mit Unterstützung der KfW-Tochterbank IPEX. Dazu heißt es in der Bundestagsantwort:

Urgewald kritisiert insbesondere die beiden südafrikanischen Projekte. Jedes wird eine Kapazität von 4.800 MW haben – das Sechsfache eines typischen deutschen Kohlekraftwerks. Schätzungsweise 60 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr würden die Projekte verursachen und außerdem die Energieungerechtigkeit in Südafrika verschärfen: Mit hohen Preisen für die meist armen Privathaushalte würden Niedrigtarife für Großunternehmen quersubventioniert, die teilweise noch aus der Apartheid-Ära stammten.

Für Urgewald ist die KfW eine von weltweit 93 „Klimakiller-Banken“ (was die Bank natürlich zurückgewiesen hat). In der KfW-Werbung aber kommt das Thema ebensowenig vor wie im Nachhaltigkeitsbericht, das Wort Kohlekraft findet sich da kein einziges Mal. Stattdessen ist auf der Firmenwebsite viel von Nachhaltigkeit und Umweltschutz und gesellschaftlicher Verantwortung die Rede, man schmückt sich mit energiesparenden Bürogebäuden und effizienter Computertechnik. Letztere würden, heißt es da beispielsweise, der Atmosphäre pro Jahr rund 178 Tonnen Kohlendioxid ersparen

Die mit KfW-Hilfe gebauten Kohlekraftwerke dürften diese Menge in weniger als einer Minute ausstoßen.


 

Eon: Die Zukunft ist schon fast zehn Jahre alt

Anna Kuhn ist wieder da. Beziehungsweise ein weiteres Motiv der Eon-Kampagne, in der sich der Atom-, äh, Energiekonzern mit dem Gesicht einer jungen Frau als zukunftsfähiger Stromversorger zu präsentieren sucht. Die Annonce, die zu Weihnachten beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung oder im Berliner Tagesspiegel erschien, setzt den künstlichen Dialog aus dem ersten Motiv fort. Wie die von Eon versprochene „Zukunft der Energie“ denn „konkret“ aussehe, lautet diesmal die Frage. Antwort: „Hallo Frau Kuhn, zum Beispiel so: Wir bauen den Windpark ‚Amrumbank West‘ in der Nordsee.“

Amrumbank West? Amrumbank West? Klingt irgendwie bekannt …

Genau, das ist einer jener Windparks vor der deutschen Nordseeküste, über die seit mehr als zehn Jahren geredet wird. Bereits im Jahr 2000 wurde der Antrag für das Projekt gestellt, Eon hat es 2002 vom niedersächsischen Windkraftpionier Ingo Rennert übernommen. Seitdem, schreibt der Konzern in einem „Factsheet“ zu Amrumbank West, treibe man die Entwicklung des Windparks voran.

Nunja, besonders erfolgreich war Eon damit nicht. Bereits im Juni 2004 erteilte das zuständige Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie die Genehmigung, also vor geschlagenen siebeneinhalb Jahren. Im April 2005 wurde ein Messpfahl errichtet, unter anderem für Winddaten. Und dann passierte – erstmal nichts. Eon sagt, der Grund dafür lag in technischen Schwierigkeiten – und in der Tat hatte nahezu die gesamte Windkraftbranche unterschätzt, welche Herausforderung der Schritt vom Land aufs Meer ist. Doch gerade Eon ist in Fachkreisen seit Jahren nachgesagt worden, diverse Offshore-Projekte aufzukaufen und dann zu bremsen. Ziel sei, so der Verdacht, die profitablen Atom- und Kohlekraftwerke vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen. Tatsächlich hat der Konzern früher gern gegen die Windkraft polemisiert. Und vor zwei Jahren gab Eon selbst  zu, Windparks aus Renditegründen lieber im Ausland zu bauen.

Jedenfalls glänzte Eon bei der Offshore-Windkraft und beim Projekt Amrumbank West bisher vor allem durch Ankündigungen:

2004avisierter Baubeginn für Amrumbank West: 2008

2006Eon kündigt an, bei der Offshore-Windkraft „die führende Rolle“ zu übernehmen bis 2011 in deutschen Gewässern Anlagen mit 500 MW Leistung zu errichten

2008der zuständige Eon-Manager wird mit den Worten zitiert: „Endlich geht es los“

2010Eon terminiert die „endgültigen Inbetriebnahme“ von Amrumbank West „bis spätestens 2014″

2011„ab 2015″, so die aktuelle Ankündigung, soll der Windpark Strom ins Netz einspeisen

Doch nicht einmal darauf will sich Eon in der Zeitungsannonce festlegen. Dort heißt es:

Wow, „in wenigen Jahren“! Der Konzern wirbt also mit einem Projekt, das er bereits seit einem Jahrzehnt in Arbeit hat und dessen Fertigstellung nicht genau feststeht. Hatte die Frau Kuhn in der Annonce nicht nach etwas „Konkretem“ gefragt??

P.S.: Sie fragen sich, was aus Eons Ankündigung von 2006 geworden ist? Bis heute ist bloß der Windpark „Alpha Ventus“ am Netz – und dessen 60 MW muss sich der Konzern auch noch mit Vattenfall und EWE teilen. Aus einst versprochenen 500 MW wurden also lediglich 20 MW. Für die „Energie der Zukunft“ wünschen wir Eon mehr Erfolg.


 

SAA: Spezielle Flugtarife für das Arktis-Eis

Die Klimabelastung, die ein Flugzeug pro Passagier verursacht, ist bis zu fünfmal so groß wie die, die ein ICE bewirkt. Und im Vergleich mit den Kundenzahlen der Bahn sind die der Luftfahrtbranche geradezu explodiert: Rund 190 Millionen Menschen hoben 2010 von einem der 23 deutschen Verkehrsflughäfen ab, in diesem Jahr sollen es schon 200 Millionen sein. Mittlerweile trägt der weltweite Flugverkehr etwa neun Prozent zum menschgemachten Treibhauseffekt bei.  Wir haben also ein Problem, das sich in der südafrikanischen Tageszeitung Business Day so darstellt:

Über einem Foto, das offenbar brüchiges Meereis zeigt, steht da: „Wenn Du die Welt siehst, wie wir sie sehen, dann wirst du verstehen, warum die Klimakonferenz so wichtig ist.“ Die Annonce stammt von der südafrikanischen Fluggesellschaft South African Airways und erschien während des diesjährigen UN-Klimagipfels in Durban. Tatsächlich haben dort Wissenschaftler des Arctic Monitoring and Assessment Programme (AMAP) Alarm geschlagen: Der Klimawandel in der Arktis vollziehe sich deutlich schneller als einst vom Weltklimarat IPCC vorhergesagt. Passiere nichts, werde der Arktische Ozean in den nächsten 20 bis 30 Jahren im Sommer komplett frei von Eis sein.

Es müsste also wirklich etwas passieren, damit der Anblick nicht noch schlimmer wird, der sich Piloten und Passagieren von South African Airways bietet. Die Fluglinie hat da auch was im Angebot:

In reichlich verschwurbelten Worten wird die neunfache Auszeichnung als „Beste Fluglinie Afrikas“ als Verpflichtung gedeutet, irgendwie Gutes zu tun. Weshalb man sich gern zur „Offiziellen Fluglinie der Klimakonferenz COP 17″ habe ernennen lassen und Delegierten spezielle Tarife biete: „Wir wollen dabei helfen, die Welt nach Durban zu bringen, um den Klimawandel zu bekämpfen.“

Nun wird das Fliegen bekanntlich sowieso schon künstlich verbilligt: Fluggesellschaften zahlen keine Kerosinsteuer, sind weitgehend befreit von der Mehrwertsteuer, mit Händen und Füßen wehrt sich die Branche gegen die Einbeziehung in den EU-Emissionshandel. Deshalb wird der SAA ihr „Spezialtarif“ nicht besonders schwergefallen sein. Speziell daran war nämlich nichts, nicht einmal das Feigenblatt der Klimakompensation wurde bemüht. Der „Spezialtarif“ war einfach nur besonders billig.

Weshalb die Delegierten in Durban dann unter anderem debattierten, wie man Fliegen teurer – und damit seltener – machen kann. So würden gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen:

Erstens soll aus einer Flugverkehrsabgabe jener Klima-Fonds gefüllt werden, der den Entwicklungsländern ab 2020 jährlich hundert Milliarden Dollar zur Verfügung stellen soll, damit die sich zumindest ein wenig an die schon nicht mehr vermeidbare Erderwärmung anpassen können.

Zweitens würde das Durch-die-Weltgejette zumindest etwas teurer und brächte so manchen Passagier zum Nachdenken, ob er wirklich am Samstag nach Mailand in die Oper oder nach London zum Shoppen muss.

Und drittens müssten sich dann die Leute von South African Airways nicht mehr so oft das schwindende Eis von oben angucken.


 

Opel Ampera: Unrealistische CO2-Angaben

„Fahren Sie gegen den Strom. Mit Strom“, lautet ein Werbeslogan für den neuen Opel Ampera. „Elektrevolution“ reklamiert ein anderer. Ein dritter besagt:

Weiter heißt es in der Annonce: „Der neue Opel Ampera ist Fakt. Nicht Fiktion. Denn während andere noch am Elektroauto forschen, können Sie den Opel Ampera heute schon fahren. Mit einer Gesamtreichweite von über 500 km ist er uneingeschränkt im Alltag nutzbar.“ Bescheiden ist die Kampagne zur Markteinführung jedenfalls nicht. Und tatsächlich kann sich der Emissionswert im Kleingedruckten sehen lassen:

Das ist wirklich top im Vergleich zum – sagen wir – neuen Zafira 1.8, der es auf 169 Gramm je Kilometer bringt. Aber wie kommt Opel auf seine 27 g/km? Der Wert ist das Ergebnis des EU-weit standardisierten NEFZ-Testverfahrens. Dieses aber steht seit langem in der Kritik, selbst Opels Ampera-Blog nennt es „schwer nachvollziehbar“. Vereinfacht gesagt, ist im NEFZ das Leerfahren der Fahrzeugbatterie erlaubt; zumindest für die Strecke, die der Ampera rein elektrisch fährt, ist somit der CO2-Ausstoß offiziell „Null“. Nach 83 Kilometern muss sich laut Opel der eingebaute „Range Extender“ anschalten, ein kleiner, benzinbetriebener Generator (mit einem rechnerischen Verbrauch von fünf Litern pro hundert Kilometer). Dessen Emissionen ergeben jene schmeichelhaften 27 g/km.

Natürlich muss im echten Leben der Ampera an die Steckdose. Und vermutlich nicht erst nach 83 Kilometern. Denn in der Realität werden – anders als im NEFZ-Test – sicherlich niemals alle stromschluckenden Nebenaggregate ausgeschaltet sein (Heizung, Klimaanlage, Sitzheizung, Fensterheber, Stereo-Anlage etc. pp.), und es wird auch nicht das ganze Jahr über – wie im NEFZ-Test – eine Temperatur von rund 20 Grad Celsius herrschen.

Umso wichtiger ist die Frage: Wie kommt der Strom in die Steckdose? Natürlich aus Kraftwerken. Nach den Daten der Arbeitsgruppe Energiebilanzen stammten im vergangenen Jahr mehr als vierzig Prozent des deutschen Stroms aus Kohlekraftwerken:

Wenn aber fossiler Strom in die Steckdosen reinkommt, dann kommt er doch auch in den Opel Ampera, oder? Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes verursachte jede im Jahr 2010 verbrauchte Kilowattstunde mehr als ein halbes Kilo Kohlendioxid – exakt 563 Gramm. Nach Angaben von Opel verbraucht der Ampera (im  rein-elektrischen Betrieb) auf hundert Kilometer 16,9 Kilowattstunden Strom – macht rund 95 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer. Also  das Dreieinhalbfache der offiziellen Angabe, und bei Einbeziehung der Abgase des Range Extenders läge der Gesamtwert noch höher. In der Realität also und mit deutschem Durchschnittsstrom betrieben dürfte der Ampera nicht „revolutionär“ sein und auch nicht „Klassenerster“ – sondern allenfalls so klimafreundlich wie ein dieselgetriebener VW Golf BlueMotion mit seinen 99 g/km.

Danke an Peter S. aus Dortmund für den Hinweis

P.S.: Opel empfiehlt den Ampera-Kunden das Tanken von Ökostrom – womit der Kohlendioxid-Ausstoß tatsächlich auf Null sinke. Doch wieviele Kunden dem Rat folgen, ist offen. Genausogut könnte man Stromheizungen generell klimafreundlich nennen – denn die lassen sich ja auch mit Ökostrom betreiben.


 

Entega: Klimakampagne mit bezahlten Bloggern

Der Markt für Ökostrom ist mittlerweile hart umkämpft. Fast 200 Anbieter mit mehr als 350 verschiedenen „Ökostrom“-Produkten buhlen laut einer aktuellen Umfrage um Kundschaft. Zu denen, die am lautesten klappern, gehört Entega. Das ist die Vertriebstochter des südhessischen Regionalversorgers HSE und nach eigenen Angaben Deutschlands zweitgrößter Ökostrom-Lieferant (40 Prozent an der HSE aber hält noch der Atom- und Kohleriese Eon).

Jedenfalls versucht Entega seit Jahren, mit – nunja – eigenwilligem Marketing auf sich aufmerksam zu machen. Mal lässt man Schneemänner für Klimaschutz demonstrieren (und karrt dafür Kunstschnee und bezahlte Hostessen heran), mal ein Atommüll-Fass durchs Land rollen (wobei der Versorger bis 2008 auch Akw-Strom verkaufte und somit am Endlagerproblem nicht ganz unschuldig ist).

„Wir waren Teil des Problems“, gibt Entega zu und verspricht, „jetzt wollen wir Teil der Lösung sein“. Das PR-Budget eines etablierten Großunternehmens ist da natürlich ein hübsches Hilfsmittel. So sponsert Entega den Fußball-Bundesligisten Mainz 05 ebenso wie den deutschen Werbeagenturverband ADC. Zum Klimagipfel in Durban hat die Firma nun ungefragt die CO2-Emissionen von Angela Merkel durch ein Aufforstungsprojekt kompensiert – und damit auch möglichst viele Leute davon erfahren, hat Entega ein Trickfilmchen produziert.

Soweit, so platt. Wir wollen hier auch nicht – nochmal - darauf hinweisen, dass Waldprojekte zur CO2-Kompensation unter Experten und Umweltverbänden umstritten sind. Sondern mal schauen, wie Entega sich seine Kampagne unter die Leute bringt. Deutschlandweit wurden die Betreiber von Blogs (darunter auch wir) von dem Vermarkter E-Buzzing angeschrieben. Ob wir nicht, so die Frage, über die Aktion berichten wollen. Wollten wir natürlich und fragten nach Details.

Das Angebot folgte prompt: Wer den Entega-Spot auf seinem Blog poste, bekomme 6 Cent für jeden Klick auf das Filmchen. Reihenweise haben sich bereits Blogger offenbar darauf eingelassen. Oft ohne die bezahlte Werbung zu kennzeichnen. Auffällig ist zudem, wie positiv der Tenor der Blogtexte zum Film ist. Die Erklärung dafür könnte dieser Passus in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) von E-Buzzing sein: Der Blogger solle

Gern hätten wir das Briefing zur Entega-Kampagne gelesen. Und dann vielleicht verstanden, wo genau der Klimanutzen der ganzen Aktion liegt. Oder ob es vor allem um Aufmerksamkeit für Entega geht. Und warum es vielleicht moralisch vertretbar sein könnte, dass Blogger sich für Texte bezahlen lassen, die sie nach Vorgaben von Kunden verfassen – ohne dies transparent zu machen. Gekaufte Blogposts sind nämlich ebenso weit verbreitet wie umstritten, in den USA hat bereits der Gesetzgeber darauf reagiert.

Um aber das Briefing zur Kampagne zu bekommen, hätten wir uns erst bei E-Buzzing registrieren und die zitierten AGB bestätigen müssen. Das – bzw. uns an irgendwelche Vorgaben halten – wollten wir dann doch nicht. Genauso wenig wie ein Honorar von Entega für diesen Text.

Danke an Anika S. aus Aachen für den Hinweis

P.S.: Von unseren Leserinnen und Lesern hingegen lassen wir uns gern bezahlen, Details gibt es hier.


 

Eon: Schminke für die klägliche Ökobilanz

Hübsche Frauen, so scheint man bei Eon zu glauben, gehen immer. Und so nutzt der Atom-, äh, Energiekonzern nun eine junge Dame mit großen Augen und dunklen Haaren als Gesicht seiner neuen Kampagne „Energie der Zukunft“. Am Wochenende war es beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung zu sehen.

Angeblich heißt die Frau Anna Kuhn, und als Frage an den Konzern haben ihr die flotten Jungs von Eons Werbeagentur Serviceplan in den Mund gelegt: „Wie geht’s mit Energie jetzt weiter? Macht mal eine klare Ansage, Eon.“ Die Antwort: „Hallo Frau Kuhn, wir gestalten die Zukunft der Energie. Damit sie sauberer wird und bezahlbar bleibt.“ Soweit, so platt. Kleingedruckt geht es dann weiter:

Acht Milliarden Kilowattstunden – klingt ordentlich. Und manche Leser machen bestimmt schnell diese Kopfrechnung: „Bedarf von über fünf Millionen Menschen“ bei einer deutschen Gesamtbevölkerung von gut 80 Millionen – Donnerwetter! Doch bei dieser Milchmädchenrechnung fällt beispielsweise der kompette Stromverbrauch der deutschen Industrie unter den Tisch, und der ist gigantisch.

Also: Wieviel sind acht Milliarden Kilowattstunden wirklich?

Insgesamt wurden 2010 hierzulande 628,1 Milliarden kWh Strom erzeugt. Der so großspurig beworbene Eon-Ökostrom macht also gerade einmal 1,27 Prozent des deutschen Stroms aus.

Von der deutschen Gesamterzeugung stammten 2010 immerhin 102,8 Milliarden kWh aus Erneuerbaren Quellen. Das heißt, dass der Marktanteil von Eon beim Ökostrom schlappe 7,8 Prozent beträgt (insgesamt liegt er mindestens doppelt so hoch). Anders ausgedrückt: 92,2 Prozent des deutschen Ökostroms kommen nicht von Deutschlands größtem Energiekonzern!

Drittens hätten wir die acht Milliarden Kilowattstunden gern mit Eons inländischer Stromerzeugung verglichen. Im Geschäftsbericht ist die Zahl aber nicht separat ausgewiesen, dort gibt es nur Daten für das Zentraleuropa-Geschäft. Wir fragten deshalb die Eon-Pressestelle, bekamen aber bisher keine Antwort. Deshalb müssen wir uns auf eine Studie stützen, die Greenpeace im Frühjahr über die Investitionen der vier Energieriesen in Erneuerbare Energien veröffentlicht hat. Demnach erzeugte Eon im Jahr 2009 in seinen deutschen Kraftwerken insgesamt 111,4 Millarden kWh. Der grüne Anteil am Eon-Strommix liegt also lediglich bei rund 7 Prozent. Zum Vergleich: Im deutschen Durchschnitt sind es bereits rund 20 Prozent!

Die Greenpeace-Studie erlaubt noch einen genaueren Blick: Der größte Teil des Eon-Ökostroms, nämlich 6,8 Milliarden kWh, stammte aus teilweise jahrzehntealten Wasserkraftwerken. Die sogenannten „neuen Erneuerbaren Energien“, also in den letzten Jahren installierte Windräder, Solarparks oder Biomassekraftwerke, lieferten 1,1 Milliarden kWh – also ein jämmerliches Prozentchen des gesamten Eon-Stroms.

Deutschlands größter Energiekonzern hinkt bei Erneuerbaren Energien in Wahrheit also weit, weit hinterher. Jetzt rächt sich, dass Eon auch nach dem rot-grünen Atomkonsens von 2001 stur auf Atom- und Kohlekraft gesetzt hat. 6.000 Arbeitsplätze muss das Unternehmen nun allein in Deutschland streichen. Und die miese Ökobilanz mit hübschen Frauengesichtern überschminken. Klar, inzwischen steckt auch Eon Milliardensummen in Erneuerbare Energien. Aber laut der Greenpeace-Studie fließt immer noch rund das Doppelte in nukleare oder fossile Kraftwerke. Die Worte

und

müsste der Konzern in seiner Werbung ehrlicherweise streichen.


 

ExxonMobil: Unkonventionelle Halbwahrheiten

Kennen Sie schon Michael Schietz? Der Herr dient als Gesicht der neuen Werbekampagne des weltgrößten Ölkonzerns ExxonMobil in Deutschland. Er tritt in ganzseitigen Anzeigen (etwa in der ZEIT) auf, aber auch in Fernsehspots (zum Beispiel direkt vor der Tagesschau): „Als junger Mensch mach‘ ich mir viele Gedanken über die Zukunft. Energieversorgung und Umweltfreundlichkeit spielen dabei eine wichtige Rolle“, sagt da der sympatisch aussehende Ingenieur. Sein Gesicht, in edlem schwarz-weiß aufgenommen, wechselt sich mit gar lieblichen Szenen ab: ein Ruderboot am See, Baumwipfel mit Sonne dahinter, Sonnenuntergang über Landschaft, Männer mit technischen Diagrammen, ein heimelig erleuchtetes Eigenheim und so weiter. „Erdgas ist ein unerlässlicher Anteil des Energiemixes, damit wir auch in Zukunft die Klimaziele einhalten können“, fährt Schietz fort. „In Europa gibt es ein riesiges Erdgaspotenzial, und wir haben die Technologie, diese Vorkommen sicher und verantwortungsvoll zu erschließen.“

Die Annoncen und Spots verweisen auf eine Internetseite namens „Erdgassuche in Deutschland“. Flankierend hat ExxonMobil von der PR-Agentur Fleishman-Hillard und Team Ewen aus Darmstadt noch mindestens zwei weitere „Informations“- und „Dialog“-Websites starten lassen. Ganz schön viel Aufwand für gewöhnliches Erdgas. Aber, Moment, es geht nicht um gewöhnliches, sondern um sogenanntes „unkonventionelles Erdgas“, das nur mittels der umstrittenen Fracking-Technologie gefördert werden kann.

Die konventionellen Erdgasvorkommen Westeuropas nämlich gehen in absehbarer Zeit zur Neige. Sie waren relativ einfach zu fördern; es handelte sich dabei – vereinfacht gesagt – um unterirdische Gasblasen, die man lediglich anzubohren brauchte. Unkonventionelles Erdgas hingegen ist noch im Speichergestein gebunden  (man unterscheidet Gas aus Kohleflözen, aus Schiefergesteinen oder aus Sand- und Kalksteinhorizonten). Um das Gas zu erschließen, werden Bohrungen niedergebracht, in die dann mit extrem hohem Druck ein Wasser-Chemikalien-Gemisch gepumpt wird, was das Gestein aufbrechen lässt (englisch: „fracturing“ bzw. „fracking“).

Dieser Prozess wird auf der ExxonMobil-Website in Grafiken und Filmchen erklärt, hübsch und bunt – und verharmlosend. Die Fracturing-Flüssigkeit bestehe „überwiegend aus Wasser und Sand“, heißt es da. Im Text des Filmes ist gar von 99,5 Prozent die Rede.

Die restlichen paar Prozentpünktchen aber haben es in sich. ExxonMobil verschweigt nämlich in dem Film, dass ein Gutteil der Chemikalien umwelt- und gesundheitsschädigend sind. Laut einem Dossier des US-Repräsentantenhauses sind etliche der 750 gebräuchlichsten Substanzen krebserregend oder als Wasser- bzw. Luftschadstoff eingestuft. Eine im September erschienene wissenschaftliche Untersuchung ergab, dass etwa ein Viertel der Chemikalien Krebs oder Missbildungen verursachen können. Und wegen des riesigen Wasserbedarfs des Frackings (nach Angaben des britischen Tyndall-Centers bis zu 29.000 Kubikmeter pro Bohrung) summieren sich selbst prozentual winzige Anteile absolut gesehen zu enormen Chemikalienmengen. ExxonMobil & Co. betonen, dass man sorgsam damit umgehe und nichts ins Grundwasser sickern lasse. Doch wie sorgfältig die Branche wirklich arbeitet, zeigen die regelmäßigen Ölkatastrophen. Und aus den USA gibt es auch schon zahlreiche Berichte über Pannen beim Fracking.

Das Umweltbundesamt zählt in einer 32-seitigen Stellungnahme weitere Umweltrisiken auf: So ist der Flächenverbrauch dieser Fördertechnologie wegen der vielen notwendigen Bohrungen groß, als Beiprodukt kommt dreckiges und teilweise radioaktives Wasser an die Oberfläche. Zudem seien die deutschen Umweltvorschriften noch nicht an die neue Technologie angepasst worden, die Aufsichtsbehörden oft überfordert. Nicht zuletzt ist unkonventionelles Erdgas wohl weniger klimafreundlich als konventionelles – weil die aufwändige Förderung sowie Leckagen von Methan zu Extra-Emissionen von Treibhausgasen führen. Das Umweltbundesamt empfiehlt jedenfalls

So, nun scrollen Sie bitte nochmal nach oben, zum Anfang dieses Textes. Darauf, was der nette Herr Schietz von ExxonMobil gesagt hat.

Na?

Fällt Ihnen was auf?

Genau. Er sagt, die Fördertechnologie sei „verantwortungsvoll“. Das aber kann viel bedeuten. Von „umweltfreundlich“ spricht Michael Schietz wohlweislich nicht.

Danke an Georg E. aus München für den Hinweis

P.S.: In der ersten Fassung dieses Textes hatten wir Team Ewen gemeinsam mit der PR-Agentur Fleishman-Hillard in einem Atemzug genannt. Das Darmstädter „Büro für Moderation und Konfliktmanagment“ legt aber Wert darauf, keine PR-Agentur zu sein. Dies stellen wir gern klar.