Lufthansa: Die Balance suchen

Urlaubszeit!

Endlich mal Zeit, die Seele baumeln zu lassen. Denn schließlich gilt:

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Im Persönlichen wie im Allgemeinen:

Der Ausriss entstammt einer Lufthansa-Anzeige. Fliegen ist die klimaschädlichste aller Mobilitätsarten. Während ein Bahnreisender pro Personenkilometer im Fernverkehr 45 Gramm Kohlendioxid verursacht, sind es bei einem Flugreisenden 231 Gramm pro Kilometer – mehr als das Fünffache. Eine Flugreise nach Lissabon verursacht 1,2 Tonnen Kohlendioxid, fast so viel, wie das Leben eines Inders binnen eines Jahres verursacht. Derzeit ist der Flugverkehr weltweit für zwei Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, Tendenz stark steigend.

„Wer fliegt, zerstört das Leben anderer Menschen“, sagt der britische Umweltaktivist George Monbiot. Das mag rigoros klingen, aber es ist die Wahrheit. Flugzeuge verursachen nicht nur Kohlendioxid, sondern auch andere Treibhausgase, die noch dazu in besonders sensiblen Schichten der Erdatmosphäre ausgebracht werden: Stickoxide zum Beispiel, Sulfat-Aerosole oder auch Rußpartikel und Wasserdampf. Die Konsequenzen sind, so die UNO in ihrem Weltklimabericht, „steigende Zahlen von Todesfällen, Verletzungen und Erkrankungen durch Hitzewellen, Überschwemmungen, Stürmen, Waldbränden und Dürren“.

Insofern ist löblich, was uns die Lufthansa verspricht. Nichts anderes als

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Dummerweise ist das Lufthansa-Versprechen einige Zeit her, die Anzeige fanden wir in der Wochenpost, der „Zeitung für Politik, Kultur, Wirtschaft, Unterhaltung“, die am 23. Dezember 1996 zum letzten Male erschien:

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Unsere Welt braucht Balance.

Leider galt das bei der Lufthansa gestern. 20 Jahre später nämlich macht die Lufthansa „Geschäft um des Geschäfts willen“. Pfeif doch auf den Klimaschutz! Man kann jetzt beispielsweise für 99 Euro von Frankfurt am Main nach Stuttgart fliegen:

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Wir hoffen, dass Sie in diesem Sommer Ihre Balance finden! Genauso wie die Lufthansa.

Deshalb verabschiedet sich der Klima-Lügendetektor jetzt erst einmal – ohne Flug – in die Sommerpause.

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2016 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


 

Gewerkschaft IG BCE: Immer schön desinformieren

Es gibt Neues von der Energiewende:

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Erschienen ist diese Anzeige auf der letzten Seite des aktuellen RWE-Nachbarschaftsmagazins „hier. Im Kleingedruckten heißt es:

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Donnerwetter! „Der Ausbau der Erneuerbaren läuft schneller als geplant.“

Ob deshalb der Strom, den das abgebildete Windrad produziert, wieder vom abgebildeten Windrad verbraucht wird?

Wir erfahren mehr beim „Innovationsforum Energiewende“:

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„Thermische Kraftwerke“ – vulgo Fossilkraftwerke – besitzen „mittelfristig“ im zukünftigen Energie-Mix „weiterhin einen hohen Stellenwert“? Aber wieso denn? Die Bundesregierung will doch „mittelfristig“ ganz aus der Kohleverstromung aussteigen? Nach dem Klimaschutzplan 2050 strebt sie bis zum Jahr 2030 „eine Halbierung der Emissionen der Stromerzeugung“ gegenüber 2014 an, die Verbrennung von Kohle soll demnach „deutlich vor 2050″ beendet werden.

Klar: Das geht nur mit dem Ausbau der Erneuerbaren. Zuletzt war der ja enorm ins Stocken geraten, unter anderem deshalb waren die bundesdeutschen Emissionen nicht so gesunken, wie es notwendig wäre, um das regierungsamtliche Klimaziel zu schaffen. Die Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) bietet leider keinen Grund zur Hoffnung auf Korrektur. Und klar: Speicher und Netzausbau sind die Geschwister des Ausbaus der Erneuerbaren! Aber was hat das mit Kohlekraftwerken zu tun, die „mittelfristig im zukünftigen Energie-Mix … weiterhin einen hohen Stellenwert besitzen werden“?

Worum es den Anzeigenschaltern geht?

Stöbern wir doch noch einmal auf den Seiten des „Innovationsforums Energiewende“:

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Beim „Innovationsforum Energiewende“ handelt es sich also gar nicht um ein „Innovationsforum Energiewende“, sondern um einen Lobbyarm der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Die ist bekanntlich erklärter Gegner der Energiewende und versucht nun ihre Interessen durchzusetzen mit

Desinformationskampagnen.

 

Herzlichen Dank an Udo H. aus Düren für den Hinweis!


 

dpa: Ein „Industrie-Experte“ wird geboren

Zugegeben, es war nicht die Spitzenmeldung des Wochenendes. Doch reihenweise tauchte am Samstagmorgen diese Schlagzeile auf Nachrichten-Seiten auf, etwa bei Zeit Online

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… bei der Frankfurter Rundschau

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… der FAZ

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…, und sogar in Österreich bei der Tiroler Tageszeitung war die Meldung zu lesen:

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Oha! „Noch lange“ müssen laut eines „Industrie-Experten“ hierzulande dreckige Kohlekraftwerke laufen, müssen Jahr für Jahr Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid ausgestoßen werden, außerdem gesundheitsschädliche Stoffe wie Quecksilber, Feinstaub und so weiter. Aber na ja, wenn das ein „Industrie-Experte“ sagt!? Ein Großteil der Web-Nutzer wird vermutlich nicht mehr als diese Überschrift gelesen haben.

Wir lesen natürlich weiter. Dies war der erste Absatz der Nachricht:

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Franz-Josef Wodopia lautet demnach der Name des „Industrie-Experten“. Er meint also, „wir“ bräuchten noch „mindestens bis 2050″ Kohlekraftwerke. Und zwar „trotz Klimabedenken“.

Ein bemerkenswerter Absatz …

Als „Bedenken“ wird hier bezeichnet, was eine dringende Notwendigkeit ist, jedenfalls wenn man den Klimawandel noch bremsen möchte: Nämlich schnell den Kohlendioxid-Ausstoß herunterzufahren. Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, dass sich auf dem Pariser Klimagipfel auch Deutschland ausdrücklich dazu verpflichtet hat, die Netto-Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf Null zu senken. Mit Kohlekraftwerken ist das nicht zu machen. Aber das scheint den „Industrie-Experten“ Wodopia irgendwie nicht zu stören.

Moment. Wodopia, Wodopia – irgendwoher kennen wir diesen Namen doch! So jemanden gibts doch bei der Kohlelobby!? Und in der Tat steht dann im zweiten Absatz, wer Herr Wodopia ist:

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Donnerwetter!

Der Herr hat außerdem jahrelang Erfahrung als Geschäftsführer des Gesamtverbandes Steinkohle, der uns schon öfter beschäftigt hat. Wodopia ist also tatsächlich ein echter Experte – allerdings eher auf dem Gebiet des Lobbyismus für die fossilen Energien als für die gesamte deutsche Industrie und ihre Stromversorgung. Noch weiter unten in der Meldung wird dies zwar tatsächlich noch mitgeteilt – aber wie viele Leserinnen und Lesern halten bis zum drittletzten Absatz durch?

Im Verlaufe der Meldung behauptet Herr Wodopia auch noch, dass „schnelle Ausstiegsszenarien“ aus der Kohle „aus technischen Gründen“ kaum umsetzbar seien, dass sie zudem teuer seien und womöglich dem Klima gar nichts brächten. All das darf Franz-Josef Wodopia natürlich gern sagen – aber warum drucken so viele Nachrichtenseiten diese Lobbyisten-Prosa?

Nun, die gesamte Meldung stammt von der Nachrichtenagentur dpa. Viele Verlage lassen deren Tickerdienst automatisch auf ihre Internet-Seiten laufen, um billig aktuelle Inhalte präsentieren zu können. Und am Wochenende füllt die Deutsche Presse-Agentur (wie auch andere Agenturen) ihr Angebot halt gern mit Meldungen auf, die – nunja – zu anderen Zeiten wegen zweifelhaften Nachrichtenwerts eher in den Papierkorb wandern würden.

So weit, so normal im Mediengeschäft. Aber einen der obersten Kohle-Lobbyisten in der Überschrift als „Industrie-Experten“ anzukündigen, das ist schlicht schlechtes Handwerk. Da hatte der samstägliche Frühdienst in der dpa-Zentrale offenbar einen Aussetzer. Genauso gut könnte die Agentur demnächst titeln:

Gesundheits-Experte: Hohe Stickoxid-Werte kein Problem
(über einer Nachricht, in der sich ein VW-Vertreter über die Abgasreinigung bei Dieselmotoren äußert)

oder

Politik-Experte: Brauchen 2017 Gabriel als Kanzler
(über einer Meldung, in der SPD-Vize Stegner zitiert wird)

Wir sind gespannt, wann wir so was zu lesen bekommen.


 

Berliner Zeitung: Durch die lila Brille sehen

Berlin kann sich glücklich schätzen, jährlich Gastgeber eines der größten Umwelt-Festivals Europas zu sein. Organisator ist die Grüne Liga, auch in diesem Jahr strömten wieder 140.000 Menschen mit dem Fahrrad zum Brandenburger Tor. Und natürlich gibt es Medienpartner zu solchen Festivitäten – diesmal die Berliner Zeitung, die zum Umweltfestival eine kleine Sonderzeitung – im Verlagssprech „Anzeigen-Sonderveröffentlichung“ – gedruckt hat.

In dieser geht es zum Beispiel um Schüler, die lernen sollen, „sich selbst zu hinterfragen“. Im Interview stellt die Berliner Zeitung auf Seite 3 folgende Frage:

„Deren Umweltwissen [das der Schüler, die Red.] hat oft keinen besonders guten Ruf. Glauben Berliner Schüler wirklich, Kühe seien lila?“

Auf Seite 9 der Beilage findet sich dann folgende Anzeige:

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Och nö! Nicht schon wieder die Mär von der klimafreundlichen Kartonverpackung! Der Klima-Lügendetektor hat sich schon mehrfach mit diesen Verpackungen befasst, zum Beispiel ging es dabei um den Kartonverpacker Tetra Pak. Damals hieß es:

„Tetra Pak macht seine Produkte grüner als sie sind“, hatte … vor Jahresfrist Rechtsanwalt Remo Klinger erklärt und Tetra Pak im Auftrag der DUH verklagt. Damals hatte das Unternehmen in seiner Werbung noch von einem „vollständigen Recycling“ gesprochen, was sich nicht als besonders zukunftsweisend herausstellte – die DUH bekam nämlich Recht, Tetra Pak änderte den Anzeigentext.“

OK: Diesmal ist der Anzeigenkunde nicht Tetra Pak, sondern die Lobby der Kartonverpackungen. Diese behauptet:

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Nun gibt es Werbung, die schummelt – und im Getränkeverpackungsbusiness ist das augenscheinlich häufig der Fall. In diesem Fall aber ist die Anzeige auf einer Zeitungsseite veröffentlicht, die die Überschrift „Eine Verpackung, die nachwächst“ trägt.

Die Journalistin, die auf Seite 3 noch fragte: „Glauben Berliner Schüler wirklich, Kühe seien lila?“, schreibt nun:

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Es folgt ein Loblied auf das Recycling der Getränkekartons, das technisch nicht viel aufwendiger sei „als das Recycling von alten Zeitungen“. Und dann kommt auch noch die „nachhaltige Forstwirtschaft“ ins Spiel, die eben dafür sorgt, dass – O-Ton der Anzeige – fürs Klima bislang „eine Mio. Tonnen CO2“ eingespart wurde:

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Aber stimmt das denn? Nun: Die Kollegin der Berliner Zeitung hatte offenbar eine lila Brille auf. Denn nicht einmal die kartonbasierte Getränkewirtschaft behauptet, so grün zu sein, wie es die Berliner Zeitung behauptet:

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Folgen Sie uns bitte kurz auf dem oben vorgegebenen Rechenweg: Von 100 Gramm Getränkekarton-Material werden maximal 80 Prozent „aus dem nachwachsenden und klimaneutralen Rohstoff Holz hergestellt“ – also höchstens 80 Gramm.

Von diesen 80 Gramm sind maximal 70 Prozent aus Holz mit dem FSC-Siegel für klimaverträgliche Holzwirtschaft – macht maximal 56 Gramm.

Von diesen 56 Gramm werden nach der ungeprüften Eigendarstellung der Getränkekarton-Wirtschaft nur 70 Prozent tatsächlich recyclet, also 39 Gramm. Das bedeutet: Bestenfalls zu 39 Prozent sind die Kartons nach der Eigendarstellung rundum klimafreundlich.

Und natürlich muss diese Eigendarstellung bezweifelt werden: Die Kartons tragen in der Regel das FSC-Mix-Siegel, bei dem nur 70 Prozent des Holzes ein FSC-Zertifikat haben müssen. Von den 100 Gramm in unserer Rechnung blieben damit am Ende nur noch 27 Gramm übrig, die nachhaltig hergestellt und entsorgt werden.

Und vor allem: Die für den Prozess eingesetzte Energie ist nicht recyclebar. Die Kollegin der Berliner Zeitung zählt auf:

  • „beim Herstellen von Aluminium [zur Aluminiumfolienbeschichtung der Kartons, die Red.] benötigt man viel Energie …“
  • „Füllgut wird in ultrakurzer Zeit hoch erhitzt, sofort wieder heruntergekühlt …“
  • „Damit sich die zur Keimabtötung notwendige Temperatur gleichmäßig im Produkt verteilen kann, ist eine lange Erhitzungszeit notwendig …“

Gut ist, dass es in Berlin eines der größten Umweltfestivals Europas gibt. Schön, dass Medien wie die Berliner Zeitung solche Veranstaltungen so wichtig nehmen, dass sie extra eine eigene Festivalzeitung verlegen. Blöd ist allerdings, wenn die MacherInnen ein Umweltwissen vermitteln, das der Hauptstadtzeitung keinen besonders guten Ruf einbringt.

Oder glauben Berliner Schüler wirklich, das Umweltkartons „lila“ sind?

Danke an Jonathan R. aus Berlin für den Hinweis


 

Sigmar Gabriel: Mit Sprache verstecken

Jedes Handwerk setzt Talente oder Tugenden voraus, die bestimmen, wie erfolgreich jemand seinen Beruf ausüben wird. Uhrmacher müssen zum Beispiel unglaublich geduldig sein, Klavierstimmer ein ausgezeichnetes Gehör besitzen, Bauern den Mutterboden lieben.

In der Politik ist eines dieser bestimmenden Talente die Sprache: Um für die eigenen Positionen zu werben, sind klug vorgetragene Argumente genauso hilfreich wie dafür, dem Wahlvolk politische Entscheidungen zu erklären und um sein Verständnis zu werben.

Insofern muss zu denken geben, was Bundesenergieminister Sigmar Gabriel (SPD) zum Ausbau der erneuerbaren Energien sagt:

„Das sind keine jungen Welpen mehr, die Welpenschutz brauchen, sondern das sind ziemlich flinke Jagdhunde, die jetzt am Markt in Ausschreibungen zeigen müssen, dass sie sich dem Wettbewerb stellen. Das ist, glaube ich, dringend nötig, denn am Ende des Tages wollen wir die effizienteste Form von Technologie und Standorten fördern und damit auch die kostengünstigste.“

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Sie verstehen den Gedankengang Welpenschutz – Jagdhund – Ausschreibung – effizienteste Form nicht?

Es geht um das neue EEG, das Erneuerbare-Energien-Gesetz: Am Mittwoch hatte sich die Regierung mit den Bundesländern getroffen, um über die strittigen Punkte zur neuen EEG-Novelle zu beraten. Das hatte ganz schön lange gedauert. Okay also, vielleicht war Sigmar Gabriel nicht mehr ganz frisch, als er mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und zwei Länderchefs die Kompromisse dem Wahlvolk vorstellte.

Aber Sigmar Gabriel ist der erste Bundesminister für Wirtschaft und Energie, bis dahin gab es entweder Bundeswirtschaftsminister oder Bundesminister für Wirtschaft und Technologie (und einmal ganz kurz einen für Wirtschaft und Arbeit). Insofern ist dem Politiker Gabriel also der Energiebereich offenbar besonders wichtig. Schalten wir also nochmal rein, in seine Argumentation ab Minute sieben:

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… „heute einen Prozess in Gang gesetzt haben, bei dem wir jedenfalls dadurch, dass wir die Infrastruktur und den Ausbau der Erneuerbaren in ein Verhälnis bringen, dafür sorgen, dass in Zukunft wir nicht steigende Kosten dadurch haben, dass wir zwar erneuerbaren Strom produzieren, den aber nicht an die Kunden bringen können und dann hinterher den Strom zweimal bezahlen – einmal für den, der den Strom produziert, und einmal für den, für den wir uns den Strom sozusagen von der Ersatzbank holen müssen, damit er am Ende die Versorgsorgungssicherheit garantiert …“

Verstehen Sie nicht?

Sollen sie auch gar nicht. Denn das ist die zweite Kunst, die Politiker mit der Sprache können müssen: Schwindeleien verstecken. Sigmar Gabriel spricht in der Passage nämlich mit „heute einen Prozess in Gang gesetzt“ den Netzausbau an, den er bereits 2009 „heute in Gang gesetzt“ hatte.

Damals hatte das Bundeskabinett das Energieleitungsausbaugesetz verabschiedet. Gabriel war damals Bundesumweltminister und sah in dem Gesetz einen „wichtigen Schritt für die überfällige Modernisierung des deutschen Elektrizitätsnetzes“. Durch das Gesetz sollten Plan- und Genehmigungsverfahren für besonders leistungsfähige Stromnetze beschleunigt werden.

Leider war das Gesetz so schlecht, dass es nicht voranging mit dem Netzausbau, weshalb die nächste Regierung dann 2011 das „Netzausbaubeschleunigungsgesetz Übertragungsnetz“ beschließen musste. Leider brachte das auch keinen Fortschritt beim Netzausbau, weshalb Gabriel im Juli 2015 – dann als Bundesenergieminister – der Energiewende ein „festes Uhrwerk“ geben musste: „Wir haben heute ein ziemlich großes Kind der großen Koalition geboren, deswegen hat es auch zweimal neun Monate gedauert“, sagte Gabriel zum Eckpunktepapier.

Was aber auch keine neuen Leitungen zur Folge hatte. Deshalb gibt es im neuen EEG nun neben den Ausschreibungen eine zweite große Veränderung, wie Gabriel bei Minute 9:50 sagt: „Eine Synchronisation vom Ausbau der Erneuerbaren mit dem Netzausbau.“

Im Klartext: Weil es die Politik nicht schafft, Platz für Erneuerbaren-Strom im Netz zu schaffen, wird jetzt der Ausbau von Sonne, Wind und Biomasse gedrosselt. Das soll am 8. Juni vom Bundeskabinett so beschlossen werden.

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2016 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


 

Deutsche Bahn: Die Verantwortung vergessen

Die Deutsche Bahn hat sich ein neues Klimaziel gegeben: „Bis 2020 wollen wir unsere spezifischen CO₂-Emissionen, also pro Personen- und Tonnenkilometer, unserer weltweiten Verkehre um 30 % im Vergleich zu 2006 senken“, heißt es bei der Bahn. Und zur Begründung:

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„Auch die DB ist hier in der Verantwortung“: Die Bahn klärt uns auch auf, wie sie das Klima-Ziel erreichen will. „Unsere wichtigen Stellhebel zur Reduktion von CO₂ sind, mehr moderne und energieeffizientere Fahrzeuge einzusetzen, die Auslastung zu optimieren, energieeffiziente Fahrweise in allen Verkehren und der Einsatz erneuerbarer Energien. Den Ökostromanteil im Bahnstrommix wollen wir bezogen auf die DB eigenen Transporteure bis 2020 auf 45 Prozent erhöhen.“

Ohnehin ist die Bahn ja bereits eine Klimaschutz-Institution. Während ein Bahnreisender pro Personenkilometer im Fernverkehr 45 Gramm Kohlendioxid verursacht, sind es bei einem Flugreisenden 231 Gramm je Kilometer – mehr als das Fünffache. Bahnfahren ist damit eine der klimafreundlichsten Fortbewegungsarten, lediglich der Reisebus ist für noch weniger Kohlendioxid verantwortlich.

Neben dem Klima-Vorteil hat Bahnfahren aber auch noch andere. Zum Beispiel in den Nachtzügen. Deutschlandradio Wissen beschreibt deren andere Vorteile so:

  • Die Bahnfahrer können ohne Umsteigen lange Strecken zurücklegen,
  • sie kommen morgens ausgeschlafen an
  • und haben eine Nacht Hotelkosten weniger.

Also eine Win-win-win-win-Situation. Für den Geldbeutel, den Nachtschlaf, die Mobilität und das Klima.

Nun hat die Bahn aber bekannt gegeben, ihre Nachtzüge zum Jahresende stillzulegen.

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Wer am nächsten Morgen also in Amsterdam, Rom, Zürich oder Warschau sein will oder muss, dem bleibt künftig nur das Flugzeug.

Halt! Stopp! Schnell nochmal zurückgespult!

Erstens: Reisen mit dem Nachtzug hat ausgeruhte Reisende zur Folge. Zweitens: Fliegen ist mehr als fünfmal so klimaschädlich wie eine Nachtzugreise. Drittens – und hier zitieren wir gern die Bahn noch einmal: „Der Klimaschutz ist eine der größten Herausforderungen, denen die Menschheit gegenübersteht.“

Wir meinen: Die DB ist hier auch mit ihren Nachtzügen in der Verantwortung.


PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2016 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


 

Energiewende: Nichts als Werbung

An dieser Stelle müssen wir an die Bundestagsdebatte zu den deutschen Klimazielen am 13. November 2014 erinnern. Andreas Jung, Bundestagsabgeordneter der CDU aus Konstanz, sagte damals:

„Wir haben in Deutschland fraktionsübergreifend dieses Ziel formuliert und für gut geheißen: Bis 2020 den CO2-Ausstoß gegenüber 1990 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren. Das ist Ausdruck unserer besonderen Verantwortung, die wir haben als ein großer Emittent, als der größte Emittent innerhalb der Europäischen Union. Das ist Ausdruck unserer Vorreiterrolle, und unsere Botschaft ist klar: Es gibt kein Vertun, dieses Ziel gilt und es muss erreicht werden. Und deshalb werden wir beim Klimaschutz noch einmal einen Zahn zulegen. Wir werden noch einmal eine Schippe drauflegen.“

Anderthalb Jahre später stellt das Bundeswirtschaftsministerium nun seine „Schippe“ vor:

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Es geht um den „Schlafenden Riesen“ Gebäudesanierung – diesen Ausdruck gebrauchte Jungs Partei- und Fraktionskollege Thomas Bareiß, der „Beauftragte für Energiepolitik der CDU/CSU-Bundestagsfraktion“, ebenfalls in einer Bundestagsdebatte: 40 Prozent aller deutschen Treibhausgase entstammen dem Gebäudebereich.

Seit Jahren streitet die Politik, wie dieses Potenzial für den Klimaschutz endlich zu heben wäre. Zuletzt hatte die Große Koalition versprochen, die energetische Sanierung von Ein- und Zweifamilienhäusern mit einem Steuerbonus anzukurbeln. Dummerweise war das am Veto des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) im vergangenen Jahr gescheitert.

Tatsächlich will die Regierung 80 Prozent der heute im Gebäudesektor eingesetzten Wärme bis ins Jahr 2050 einsparen – durch die energetische Sanierung.

Dafür gibt es also jetzt die „neue Schippe“:

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Nanu: Wer Heizkosten spart, kann mehr für Fernreisen – bis ins All – ausgeben?

Wenn Sie sich jetzt fragen, was die Reisekosten mit den Treibhausgasen zu tun haben: Darum geht es hier gar nicht! Schauen Sie mal!

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Die Auflösung: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat gerade eine neue Kampagne für mehr Energieeffizienz im Gebäudebereich gestartet. Es gibt ein bisschen Geld und viel Öffentlichkeitsarbeit.

Damit ist Gabriel in bester Gesellschaft. Seine Ministerkollegin Barbara Hendricks (SPD), zuständig für das Bauressort, hat vor zwei Jahren auch schon mal eine neue Kampagne für mehr Energieeffizienz im Gebäudebereich gestartet. Es ging um „Piekse für den schlafenden Riesen“ – die Ministerin erklärte damals: „Wir brauchen für das Erreichen unserer Klimaziele eine Sanierungsrate von 2,5 Prozent des jährlichen Gebäudebestandes.“

Tatsächlich aber sank die Sanierungsrate seitdem unter ein Prozent. Offensichtlich fällt der Politik außer Werbung für die Energiewende nichts ein.

„Werbung für mehr Effizienz allein reicht nicht“, sagt die energiepolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Julia Verlinden. Die Kampagne komme spät, außerdem sei sie nicht genug mit tatsächlichen Anreizen und Maßnahmen unterfüttert. Die klimapolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Eva Bulling-Schröter, vermutet hinter Gabriels Vorstoß gar ein Ablenkungsmanöver: „Während die Große Koalition beim Ausbau der erneuerbaren Energien im Stromsektor mit der umstrittenen Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes gerade voll auf die Bremse tritt, präsentiert der Vizekanzler neue Förderprogramme für Energieeinsparung und kündigt eine breite Öffentlichkeitskampagne an.“

Danke an Percy V. aus Berlin für den Hinweis!


 

Betonwirtschaft: Die falsche Antwort auf die Frage

Ist Bauen mit Beton nachhaltiges Bauen?

Gute Frage. Und eine extrem wichtige – wie der Verein Deutscher Zementwerke (VDZ) auf seiner Seite Beton.org klarmacht:

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Weiter heißt es: „Der Verein Deutscher Zementwerke (VDZ) ist der wirtschaftspolitische Zusammenschluss der deutschen Zementhersteller.“ Als solcher „vertritt er seine Mitglieder im Dialog mit Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Zu den Arbeitsschwerpunkten zählen insbesondere die industrie- und baupolitischen Herausforderungen.“ Also auch der Klimaschutz.

Um zur selbst gestellten Frage zurückzukommen:

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Entschuldigung: Die Frage ging doch aber ganz anders! Der Verband wollte wissen:

Ist Bauen mit Beton nachhaltiges Bauen?

Wenn man das Karlsruher Institut für Technologie fragt – immerhin ein nationales Forschungszentrum in der Helmholtz-Gemeinschaft – muss die Antwort so lauten:

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Die Südwest Presse aus Ulm hat berechnet, dass das drei- bis viermal so viel ist, wie der gesamte weltweite Flugverkehr zu verantworten hat.

Teile der Zementwirtschaft haben sich – anders als die „Betonkopf-Lobbyisten“ vom Verein Deutscher Zementwerke – des Problems angenommen und sich an die Entwicklung von Alternativen gemacht. Eine heißt „Celitement“ – und die ist nur für halb so viel Kohlendioxid verantwortlich, wie herkömmlicher Zement verursacht.

Für wirklich nachhaltiges Bauen empfiehlt das Umweltbundesamt übrigens Holz. Mit diesem Baustoff wird nämlich Kohlendioxid für die Lebensdauer des Gebäudes „zwischengelagert“. Und danach kann es weiterverwendet werden. Ist gut für die Umweltbilanz, zumindest wenn das Holz aus nachhaltiger Bewirtschaftung stammt.

Herzlichen Dank an Josefine L. aus Bonn für den Hinweis!


 

Luftfahrtindustrie: Das Entscheidende weglassen

Heute geht es um die Hippies. Also, zumindest um das, was sich verspießerte Werbetreibende und die Luftfahrtindustrie darunter vorstellen:

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Dieser Schauspieler (der angesichts seiner schauspielerischen Leistung in seinem Leben garantiert noch nie ein Hippie-Gefühl unterm Hemd oder den Haaren genießen durfte) hat da mal was vorbereitet. „Ready fürs Festival?“

Autobahn? Oder doch lieber am Meer entlang? Aber die Spritkosten! Und die Maut!!

Aber zum Glück ist ja die Marie auch noch da: „Fliegen ist das neue Öko“.

Glauben Sie jetzt nicht? Ist aber so: „Pro Passagier verbrauchten die Flugzeuge der Mitglieder des Bundesverbandes der deutschen Luftverkehrswirtschaft e.V. im Jahr 2013 für alle In- und Auslandsflüge insgesamt durchschnittlich 3,68 Liter Treibstoff auf 100 Kilometer“, heißt es im Kleingedruckten des Verbandes am Ende des Werbespots:

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Wow, 3,68 Liter auf 100 Kilometer! Schafft Ihr Auto garantiert nicht!

Ein lehrbuchmäßiges Beispiel für gute Werbung. Gute Werbung lügt nämlich nicht, gute Werbung lässt einfach die lästigen Details weg. 

In diesem Fall wird unterschlagen, dass sich Verbrennungsabgase von Flugzeugen in großer Höhe weitaus schädlicher aufs Klima auswirken als etwa solche von Autos am Boden. Und zwar deshalb, weil beim Fliegen unter anderem Kondensstreifen und Zirruswolken (Eiswolken) entstehen, die in viel beflogenen Regionen oft den ganzen Himmel bedecken können und verhindern, dass Wärme von der Erdoberfläche in den Weltraum zurückgestrahlt wird. Sie vergrößern somit den Treibhauseffekt, der durch die Verbrennung des Kerosins allein entsteht.

Um die wirkliche Klimawirkung abzuschätzen, muss der Spritverbrauch von Flugzeugen deshalb mit dem sogenannten RFI-Faktor multipliziert werden. Atmosfair nimmt dafür die Zahl 2,7 an, laut Umweltbundesamt ist der gesamte Klimaeffekt des Luftverkehrs sogar drei- bis fünfmal so groß wie der reine CO2-Effekt.

Aber eine dermaßen komplizierte Erläuterung passt natürlich schlecht in eine Werbeanzeige.

So bleibt die Suggestion, Flugzeuge seien nicht schlimmer fürs Klima als ein total ökoeffizientes Auto. Dass ist natürlich Quatsch, zumal mit dem Flugzeug dann auch viel weitere Strecken zurückgelegt werden als mit einem Kleinwagen: Eine Reise nach New York und zurück schlägt inklusive RFI-Faktor laut Atmosfair-Ausgleichsrechner mit 3.158 Kilogramm CO2-Äquivalent zu Buche – das „klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen“ liegt bei gerade mal 2.300 Kilogramm.

Danke an Michael H. und Karsten S. aus Hamburg für den Hinweis


 

Donald Trump: Vom Tweet eingeholt werden

Och, Mann! Und natürlich: Menno, Frauen!

Sich mit der AfD befassen zu müssen war schon grausam. Dann die Klima“skeptiker“ von EIKE zu bearbeiten – harter Tobak! Wir dachten: Schlimmer kann’s nicht werden! Doch dann kam Donald Trump:

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„Stammt das wirklich von DEM Trump?“, will Marlene J. aus Hamburg wissen. „Die Position des nächsten US-Präsidenten“, kommentierte Jan P. aus Moers. Charlotte S. aus Schkopau schickte uns den Tweed ohne Kommentar.

Zunächst: NEIN, wir wissen nicht, ob das die Position des nächsten US-Präsidenten ist. Zwar baute Donald Trump als republikanischer Präsidentschaftskandidat dank der Vorwahlen in Arizona seinen Vorsprung auf den parteiinternen Konkurrenten Ted Cruz weiter aus. Richtig ist auch, dass seit dem Demokraten John F. Kennedy nie wieder nach einem demokratischen Präsidenten ein Demokrat Präsident der USA wurde: Es siegte stets ein Republikaner. Nach dem Gesetz der Serie folgt damit auf Obama ein Republikaner, und der wird alles tun, um den Klimaschutz und den Paris-Vertrag zu zerstören. Aber ob Trump tatsächlich nächster US-Präsident wird, wissen auch wir natürlich nicht vor dem 9. November.

Aber: JA, @realDonaldTrump ist der Twitter-Account des wahren Donald Trump. Und genau dort findet sich die obige Aussage, nach der die Erderwärmung eine „Erfindung der Chinesen“ ist.

Donald Trump twittert gern. Und viel. Am 24. Februar beispielsweise:

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Es gibt Leute, die das als glatte Lüge bezeichen, „persönlich hat er sich nur 250.000 Dollar gegeben“, behauptet beispielsweise der Satiriker John Oliver in seiner Late Night Show. Aber das ist nicht das Feld des Klima-Lügendetektors, weshalb wir bei den Tweets von @realDonaldTrump bleiben: Am 15. März twitterte er:

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Jobs „zurück nach Amerika“? Doch nicht etwa von den Chinesen, die – das haben wir ja im erstzitierten Tweet gelernt – durch die Erfindung des Klimawandels jede Menge Aufträge geklaut haben? Trump verspricht im Tweet außerdem, auf Kriegsveteranen aufzupassen, Obamas Gesundheitsreform zurückzudrehen und eine Mauer an der mexikanischen Grenze zu bauen. Eine Analyse der Carnegie Mellon University bescheinigt Donald Trump übrigens das Sprachniveau eines Sechstklässlers (die Demokratin Hillary Clinton ist in ihrem Wahlkampf lediglich zwei Klassen besser, ihr Parteikollege Bernie Sanders erreicht immerhin das Niveau der elften Klasse).

Gucken wir uns den fraglichen Tweet noch einmal genauer an: „Das Konzept der globalen Erwärmung wurde erschaffen von und für die Chinesen, um die US-Wirtschaft ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu berauben“, steht da.

Jepp: DAS ist ein Trump, wie er im Buche steht.

Allerdings mit einem kleinen Schönheitsfehler. Wir MÜSSEN fairerweise sagen, dass der jetzt rausgekramte Tweet vom 6. November 2012 stammt – und damit aus einer Zeit, in der der Milliardär nichts als ein Milliardär war:

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Damals hatte Trump gerade mal 2.800 Follower, für den Weltverlauf waren solche Aussagen egal. Was das dusselige Gezwitscher zwar nicht besser macht. Aber es ist der Tweet von gestern. Und heute hat Trump dazu nichts abgesetzt.

Dafür hat die Washington Post ihn in dieser Woche nach dem Klimawandel gefragt. In dem langen und reichlich konfusen Gespräch sticht die Antwort sogar hervor, denn Trump geht hier tatsächlich einmal auf die gestellte Frage ein. „Ich bin kein großer Anhänger des vom Menschen verursachten Klimawandels“, sagt der Kandidat. „Es gab eine globale Abkühlung in den 1920er Jahren, und jetzt gibt es eine globale Erwärmung, obwohl man heute nicht weiß, ob es eine globale Erwärmung gibt.“ Mit anderen Worten: Trump ist Klimaskeptiker geblieben – und er hat vom Klimawandel immer noch keine Ahnung.

Danke für den Hinweis an Marlene J. aus Hamburg, Charlotte S. aus Schkopau, Reinhold L. aus Berlin und Jan P. aus Moers